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  • ⋅   Was hat die Optik mit dem Klang zu tun?

    Das ist eine ganz interessante und zugleich spannende Frage. Die Antwort dazu ist also etwas umfangreicher:

    Bei älteren Instrumenten haben wir eine Reihe von Einflüssen, die aus unserer Sicht teilweise noch klangentscheidender sind, als die Bauweise. Das Finish ist einer dieser Faktoren. Lack auf dem Messing führt zu einer – je nach Lackart bzw. Lackdicke – individuellen Oberflächenspannung. Das gleiche – wenn auch in anderem Maße – gilt für eine galvanisch aufgetragene Schicht (z.B. Nickel, Silber oder Gold), die im Gegensatz zum Lack eine chemische Verbindung mit dem Messing eingeht, und auch deshalb haltbarer ist.

    Betrachten wir zunächst die lackierten Instrumente – bei SELMER ist der Lack häufig ab, teilweise oder sogar ganz. Das hängt mit der Art des verwendeten Lackes zusammen. Die Zusammensetzung dessen, was da aufgesprüht wird, beeinflusst das Resonanzverhalten und den Klang der Instrumente. SELMER hat sich (und tut das immer noch) für einen Lack entschieden, dessen Haltbarkeit begrenzt ist. Auch bei den neuen Instrumenten ist damit zu rechnen, dass sich der Lack nach wenigen Jahren stückweise verabschiedet. Allerdings ist der Hersteller der Ansicht (ermutigt durch Daumen hoch oder runter bei zahllosen Versuchen mit dem Beraterstab – von jeher lauter professionelle Saxophonisten), dass Klang im Vordergrund stehen muss und sich ergo kosmetische Aspekte als zweitrangig betrachten lassen.

    Jedenfalls, je weniger Lack vorhanden ist, umso lauter ist das Horn. Und umso leichter spricht es an. Weil in diesem Falle der „Dämpfer“ fehlt. Für manche Spieler ist fehlender Lack vorteilhaft (vor allem, wenn sie besonders laut spielen möchten oder aber eher defensiv spielen, also eine Verstärkung durch das Equipment begrüßen). Andere neigen dazu, auf solchen Hörnern zu „brüllen“, das ist wirklich komplett unterschiedlich von Spielerin zu Spieler.

    Spätestens nun wird klar, dass klangliche Unterschiede, die etwas mit dem Lack zu tun haben, sehr von der individuellen Geschichte des Instrumentes abhängen. Wurde es gepflegt, wenn ja, mit welchen Mittelchen? Wurde es vielleicht einmal zu sorgfältig gereinigt (im Rahmen einer Generalüberholung vielleicht ans Polierrad gehalten – wobei Material abgetragen wird), in welchem Umfeld wurde es gespielt oder gelagert, welchem Klima war es ausgesetzt etc. Letztendlich hat dies alles Auswirkungen auf das Schwingungsverhalten des Instrumentes.

    Schauen wir uns Silber an (meistens noch sehr gut erhalten, da SELMER in der Regel relativ dick versilbert hat und Silber viel robuster ist, als Lack). Nach unserer Erfahrung klingen versilberte SELMER Saxophone etwas weicher, gleichzeitig auch „brillianter“. Silber wird galvanisch aufgetragen. Je nachdem, wie lange sich der Korpus beim Galvanisieren im Bad befindet, kommt eine mehr oder weniger dicke Schicht auf den Korpus. Gehen wir davon aus, dass früher nicht akribisch mit der Stoppuhr gearbeitet wurde (der Preis für das Silber war damals auch nicht so hoch, also kein wirklich beeinflussender Faktor). Die Klang-Ergebnisse sind zwangsläufig unterschiedlich.

    Eine Zeitlang war es Sitte, Saxophone neu zu lackieren, wenn die Optik nicht mehr perfekt war. Das Lackieren an sich ist nicht so sehr das Problem, sondern die Vorbehandlung durch (übermäßiges) Polieren (=Materialabtragung). Einerseits haben wir alte SELMER Saxophone gesehen, die im französischen SELMER – Werk nachlackiert (also auch vorbehandelt) wurden, die so akkurat poliert und lackiert wurden, dass es kaum sichtbar ist. Einige dieser Saxophone waren hinsichtlich ihrer Spieleigenschaften so außergewöhnlich gut, dass wir der grundsätzlichen Aussage „ein nachlackiertes Saxophon ist schlecht oder nicht mehr viel wert“ nicht zustimmen können!

    Andererseits gibt es jedoch auch nachlackierte Saxophone, die wirklich „versaut“ wurden. Der Korpus dieser Hörner wurde „heruntergeschliffen“ um auch jeden noch so kleinen Kratzer zu entfernen, Tonloch-Kamine wurden so dünn poliert, dass die Ränder scharf sind und die Polster einschneiden. Dann wurde noch richtig schön dick der Lack aufgetragen, denn schließlich soll das Saxophon ja wieder schön aussehen. Der neue Lack hält dann auch gut, aber er hält auch gleichzeitig das Material-Gefüge zusammen und die Schwingungseigenschaften wurden dadurch so schlecht, dass Ansprache und Tonentwicklung nur noch als „miserabel“ zu bezeichnen waren!

    Ein weiterer Aspekt: In welchem Klima wurde das Instrument gespielt, welcher Luftfeuchtigkeit und welchem Salzgehalt war es ausgesetzt. Wir haben vor Jahren ein Mark VI Tenorsaxophon mit originalem dunklem Lack in Museumszustand an einen unserer Profi-Kunden veräußert. Er kam damit keine 3 Monate später von einer Tournee in Saudi-Arabien zurück und wir trauten unseren Augen kaum: Das vorher tadellos aussehende Saxophon hatte keinen Lack mehr! Messing pur und es sah aus wie sandgestrahlt. Letztendlich haben Wind, Wüstensand und salzhaltige Luft den Lack komplett abgetragen. Der Klang des Saxophons war anders als zuvor. Weder schlechter, noch besser – eben einfach anders.

    Wir kennen auch die Geschichte vom Horn eines Tanzmusikers, welches viele Jahre lang im Club direkt am Meer gespielt wurde. Da stand es dann auch den ganzen Abend. Es war ritzerot und ganz rauh, außen wie innen. Und so hat es wohl auch geklungen.

    Zusammengefasst: Die Lebensgeschichte eines Saxophons beeinflusst ganz wesentlich nicht nur die Optik sondern auch seinen Sound und sein Anspracheverhalten. Entsprechend klingt  jedes dieser alten Instrumente anders. Die Unterschiede sind manchmal gering, manchmal aber auch riesengroß.

    Hinzu kommt allerdings noch ein weiterer Aspekt diesmal auf der Seite der Spielerin/des Spielers – nämlich die Affinität zur Optik. Nicht zu unterschätzen, wenn eine Spielerin/ ein Spieler sich vor einem wirklich gebraucht aussehenden Instrument „ekelt“, wird es kaum gut klingen. Steht sie/er hingegen auf echtes Vintage Finish und geht somit auch mit einer positiver Einstellung an das Horn, steht einem authentischen Ausdruck nichts im Wege. Das gleiche gilt für Saxophone, die auch nach sechzig Jahren noch aussehen, wie aus dem Ei gepellt (so etwas haben wir auch). Manchmal haben wir Musiker, die „Mint Condition“ von vornherein ablehnen, sie suchen ein altes Instrument, das darf nicht neu aussehen – umgekehrt gibt es das genauso. Die Psychologie ist ein Faktor, der oft unterschätzt wird. Je wohler sich die Spielerin/der Spieler mit dem Gesamtpaket fühlt (dazu gehört nun mal auch die Optik), umso lieber wird sie/er auf dem Instrument spielen und umso besser hört sich die Saxophon-Spieler-Gemeinschaft mit den gemeinschaftlich produzierten Klängen dann auch an.